Wer stirbt hat mehr vom Leben, heißt Tommys Devise. Anfang der 90er ließ er sich erst verprügeln und dann erschießen: viermal täglich, zwei Jahre lang. Spätestens seit dieser Zeit galt er als vielversprechender Stuntman und inzwischen als gereifter „physical-comedian“. Tommy Krappweis, ist Judoka, Filmfreak, Musiker, Produzent, Autor, Regisseur, Choreograph, Schauspieler, Moderator, Gagschreiber, Cartoonist, Comedy-Berater – und, weil er unabhängig und "Regisseur mit kreativer Kontrolle über meine Arbeit“ sein wollte, gründete er die Produktionsfirma „bumm film“. Das drei Jahre junge Unternehmen hat sich in kurzer Zeit zum Hort für abgedrehten Nonsens, beinharten Klamauk und durchgedrehten Medienwahn gemausert. Die bayerische Spaßguerilla ist bei unerschrockenen Zuschauern Kult und gilt in Fachkreisen als innovativ, quirlig, respektlos - und vor allem professionell. Eine offizielle „Grimme-Nominierung“ kennzeichnet den Ernst, mit dem „bumm“ bei der Sache mit dem Spaß ist.
Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens, dessen Label Programm ist, begann fernab von Medien-events und -szene im Münchener Hinterland - in einer klimaanlage- und heizungsfreien Scheune. In Sauerlach bei Altkirchen, einem „Medienstandort“ mit rund 60 Seelen und 300 Kühen, kurz vor Bad Tölz, 30 Minuten S-Bahn- und 10-Minuten Autofahrt weit weg von der zielgruppenaffinen Münchener Bussi-Kultur hatte Tommys Mutter billigen Lagerraum für die rapide wachsende Utensiliensammlung ihres Sohnes entdeckt. Nach und nach entstand dort eines der wohl ungewöhnlichsten und zugleich produktivsten deutschen Medien-Studios. In (produktions-)freien Zeiten und gänzlich in Eigenregie baute die „bumm“-Tafelrunde ohne Subventionen oder Fördergelder ein Tonstudio, mit Schnittplätzen für Audio (3), Video (4) und Digi-Beta (2), ein Musikzimmer mit fußbetriebenem Harmonium und elektrischer Hammond Orgel, ca. 50 Quadratmeter Studiokapazität mit eigenem Fundus, Büroräume... in den 400 qm großen ehemaligen landwirtschaftlichen Stauraum. Dass Urwaldgeräusche vom Band zur Belebung von drögen Besprechungen beitragen, ist ebenso Markenzeichen des heimeligen „bumm“-Ambiente, wie die abstrusen, überall ordentlich fixierten Verhaltensvorschriften, die zum reibungslosen Betriebsablauf ebenso wenig beitragen, wie der treu-deutsche Hang zu Verbotstafeln, den sie persiflieren.
Drei Frauen und neun Männer, davon zwei Praktikanten, versammelte Tommy K. mittlerweile um sich, alle zwischen 22 und 28 Jahren jung. Autoren, Filmemacher, Darsteller, Sound-Designer, Schnittkünstler gehören dazu wie ehemalige Lehrer oder der gemeine Studienabbrecher. Tommys Partner sind seine Ehefrau, die Schauspielerin Sabine und Erik Haffner: „Wir ticken alle im gleichen Takt“, und alle wollen nur das Eine: Schriller, laut und immer kompromisslos auf die Spitze getriebenen Quatsch, Crash & Trash bar der in Deutschland üblichen Kopflastigkeit.
Das gerade dieses Programm den Irrsinn der modernen Fit-for-Fun-Event-Kultur ein ums andere Mal entlarvt, belegen die frühen Autoren-/Regiearbeiten von Tommy Krappweis für RTL Samstag Nacht-Produktionen: In 40 Folgen widmeten sich die Extrem-Humoristen für RTL „Samstag Nacht“ zum Beispiel den neuesten „Extrem-Trends" aus den USA. „Extreem Bungee“ etwa – ultimativ und natürlich ohne Seil - oder „Extreem Supermanning“, das immer beliebtere, aber ebenso garantiert tödliche Aufhalten von fahrenden Trucks mit einer Hand...
Anspruch auf fade politische Korrektheit erhebt hier niemand: In Altkirchen entstand der trashige Super 8 - Clip zu Stefan Raabs 3fach vergoldetem "Maschendrahtzaun", das Video zu „Böörti Vogts 98“ und die Bebilderung der Remix Version der "Derrick" Titelmelodie. Das Team bewahrt sich seine, im besten Sinn „kindliche Neugier“ mit entsprechender Lust am „permanenten Experiment“: Hier enden die drei offiziellen Charaktere des ARD/ZDF-Kinderkanals (KiKa) regelmäßig mit immer neuen hanebüchenen Erfindungen, die garantiert niemand braucht, in einem veritablen, taktgenau getimten Chaos. "Tolle Sachen" heißt diese Art Muppet-Show, die seit mittlerweile mehr als 150 Folgen à 5 Minuten täglich um 14:05 läuft. - Aus der Scheune kamen seltsame Einspieler für die RTL „Samstag-Nacht“, die Ingo-Appelt-Show, 12 Einspieler für RTL exclusiv Weekend „Movie Check“, Wahlwerbespots für Wigald Boning, und noch einmal stramme 100 für SunTV’s „Web Attac“ belegen die düsentriebige Kreativität der verschworenen „bumm-Gesellschaft“. Tommy Krappweis machte Regie, Schnitt für Stefan Raabs kultige Katjes-Werbung und zeigt auch sonst Mut zu ungewöhnlichen Mitteln: Der Clip für den Börsengang des Medienunternehmens „Brainpool“ kam „stumm“ daher. Die „Ingo-Appelt-Show-Einspieler“ erhielten eine Regienominierung für den Grimmepreis. Das kommt in deutschen Landen einem medialen Qualitätssiegel der Stiftung Warentest gleich.
Der neueste Coup: In einem siebentägigen Dreh entwickelte und produzierte „bumm“, zusammen mit zwei befreundeten Medienunternehmen die ersten 30 Minuten einer geplanten Kinogroteske namens „Gebrüder Tauber – Wir machen sauber“. Da ihre Art, Komödien zu drehen, in Scriptform nur schwer zu vermitteln ist, setzen sie auf das Werk, das die Meister des skurrilen Gags loben soll: Wie das „bumm-Studio“ ist „Tauber“ nur mit eigenen Mitteln, inklusive Rückstellungen finanziert. „Wer Filme produziert, nur um Geld zu verdienen, der soll sich dann nicht beschweren, dass die Sender und Verleiher zu wenige Risiken eingehen - er selbst geht doch auch keine ein.“ Mit den „on spec“ gedrehten Szenen geht es jetzt auf die Suche nach Co-Produzenten, Verleihern, Fernseh- und Förderanstalten, um für das eigene Jux-Verständnis zu werben, das schräge gute Stück zu verkaufen und vor allem als 120-Minüter fertigstellen und –finanzieren zu können. - Inzwischen dreht „bumm“ die eigene TV-Show, “Join the Club“ für SunTV – ein Abstrusitäten-Kabinett aus Slapstick und dem gewöhnlichen Wahnsinn. - ein Format, das die „bumm film“ für und mit Entertainment Factory („Bully Parade“) herstellt. "Sie lassen uns ungewöhnlich viel Freiheit. Dafür bekommen sie von uns auch unser Bestes.“
Das Prinzip heißt: Weniger Worte, mehr haarsträubende Stunts und Action. Tempo und Dynamik beherrschen Bild und Schnitt. Das große Vorbild, Buster Keaton, kommt aus den Kindertagen des Films: „Wir hatten einen Anfang und ein Ende“, formulierte der Altmeister das „Credo“ der jungen „bumm“-Mannschaft: „Um den Mittelteil kümmerten wir uns, während wir ihn drehten.“ Das ist kein Votum für ein bezahltes Chaos, sondern, so die „bumm film“, Grundlage der Comedy, die von den Gegebenheiten des Ortes sich inspieren lässt.
Auch mit präzisem Drehplan lässt sich diese Grundregel beherzigen, sich von der Location und eigenen Neugier immer wieder inspirieren zu lassen. – So schaffte sich „bumm“ vor einigen Wochen sechs Kinderdreiräder an. Ein Schnäppchen, obwohl keiner wusste wieso und wozu. Eines allerdings ist sicher: Um die neuen Utensilien gibt es irgendwann einen Gag der absurden, aber immer zuschauerorientierten Art.
In der Puppen-Comedy, der ersten und einzigen „Dauerwerbesendung“ im KiKa agieren keine wellnesstriefende Riefenstahlkörper, sondern drei ungewöhnliche Stofffiguren: "Chili, das Schaf", "Briegel, der Busch" und "Bernd, das Brot" – allesamt Figuren, die lebenden bumm-Mitarbeitern nachempfunden sind. Das Konzept heißt Werbeparodie – und Slapstick-Action. Die Quoten des Formats stabilisierten sich schnell auf einem hohen Niveau. Der zweite Ableger Chili TV erzielt seit acht Folgen Traumquoten auf dem KiKa. Denn bei aller Liebe zur Improvisation: „bumm“ ist zuschauerträchtig und effektiv. Die Lust am Experiment bei „KiKa am Mittag“ ist mittlerweile auch bei trashkundigen Erwachsenen ein Muss, die ersten Fan-Clubs sind gegründet...
Wenn es drauf ankommt, und das ist nicht selten, dann liefert das „Medien-Modell Altkirchen“ verzweifelten TV-Redakteuren in drei Tagen 10 Minuten nicht nur sendefähiges, sondern vor allem qualitativ so gutes „Material“, dass es in der harten Quotenkonkurrenz locker mithalten kann. 20 Minuten in fünf Tagen sind keine Seltenheit. Die „Mischung aus Improvisationsfähigkeit, Effektivität und dem Faktor Spaß“, kurz, das „Unmögliche“ funktioniert, weil hier nicht nur alle alles machen (inklusive des permanenten Scheunenumbaus), hier können alle auch nahezu alles. Nico, Tommys sechs Jahre jüngerer Bruder etwa, hat einen ordentlichen Beruf als Schreiner erlernt und sich dann zum Lichttechniker ausbilden lassen, beherrscht mehrere Instrumente, arbeitet als Sound-Designer und leitet das Tonstudio; Norman Cöster, Abiturient im Fach Wirtschaftslehre, hat zwei Jahre Schauspielschule hinter sich, gehört zu den Entwicklern von „Tolle Sachen“, die er als Regisseur und Autor mitbetreut und ist beim neuen Comedy-Format, „join the club“ als Akteur zu sehen; David Gromer stand schon früh als Moderator vor, als Talk-Redakteur und Aufnahmeleiter „hinter“ der Kamera, spielt schreibt und produziert für „bumm“; Erik Haffner, Autor und Regisseur mehrerer preisgekrönter Kurzfilme gilt als „Ein-Mann-Task-Force“ im Bereich Ton, Bild und Schrift... Die Gemeinschaft aus Multitalenten bietet dabei die ganze Palette der Produktion: von Ideen, Konzepten, Drehbüchern, Regie, Kamera, Schauspieler, Inszenierung, Schnitt, Audio-Design, Stop-Motion-Animation – und die entsprechende Musik dazu.
“Wir sind aber“, darauf legen sie Wert, „keine klassische Auftragsproduktion.“ Denn „bumm-Film“, dieser in Deutschland wohl einmalige Pool von Comedy- Produzenten, arbeitet zwar professionell, kooperativ und höchst flexibel - aber auch unglaublich stur. Tommy Krappweis: „Wenn wir Konzepte schlecht finden, dann nehmen wir das Angebot nicht an.“ - So hatte „bumm“ etwa einen Kinofilm mit einer der größten und erfolgreichsten deutschen Filmverleih- und –produktionsfirma geplant. „Die Herren konnten sich nicht vorstellen, was an unserem Drehbuch komisch war, bis wir ihnen 15 Minuten Videomaterial aufgenommen haben. Das haben sie sich angeschaut und sich dabei schlapp gelacht. Wir mussten denen begreiflich machen, dass manche Dinge, die im Drehbuch stehen, nur komisch sind, wenn sie auch richtig gedreht werden.“ Dem Lektor des bestallten Medienunternehmens schmeckte das Buch trotzdem nicht: „Zu viele Gags, da lacht keiner“, nörgelte er just an den Stellen, an denen die Produzenten lauthals gejuchzt hatten, sich aber partout im Angesicht des Experten nicht daran erinnern wollten. „Wir haben den Verleih daraufhin vor die Entscheidung gestellt: Entweder wir drehen den Film auf unsere Weise, oder wir lassen es einfach bleiben.“ – Es blieb kein Fall für „bumm“: „Wir arbeiten, wie wir es für richtig halten. Sonst macht es uns keinen Spaß. Und wenn es keinen Spaß gibt, dann können wir nicht arbeiten.“
Alle meckern, so Tommy Krappweis, dass „die Comedy in Deutschland stagniert und keiner was neues ausprobiert. Das mag stimmen. Aber deshalb kommen zu uns die Leute, die etwas suchen, was in Deutschland noch keiner gemacht hat. Und das haben wir nur geschafft, weil wir uns nach wie vor konsequent allem verweigern, was wir selbst nicht gut finden“ Ein solchen Tanz auf dem Drahtseil zwischen Anspruch und Wirtschaftlichkeit erfordert Überzeugung von der eigenen Klasse und eine Portion ungebrochenen Idealismus. Tommy Krappweis: "Die Sache selbst, die Comedy, und nicht Geld ist unsere Motivation. Darum sind wir momentan konkurrenzlos“ - und zunehmend erfolgreich. „Wir hatten schon so viele Kaufangebote, dass ich inzwischen ablehne, ohne die Zahlen zu hören.“
Dass „bumm“ diese Haltung auch dem Nachwuchs vermitteln will, versteht sich dabei fast von selbst. Tommy Krappweis gibt vor allem jungen Talenten die Chance, „bei mir im Studio ihre Ideen zu realisieren. Denn das hätte ich mir früher nämlich selbst um alles in der Welt gewünscht.“. Das Logo "bumm film" gehört deshalb auf vielen Kurzfilm-Festivals zur festen Abspanngröße von Filmen, die Kenner der Szene schlicht als „abgefahren“ qualifizieren.
Die "Comedy-Sekte im Wald" (W. Boning) erregt jedenfalls Aufsehen, weil offenbar immer mehr bei dem zusehen, was von „bumm“ aus Altkirchen kommt. Vielleicht beginnt sich Qualität auch im Comedy-Bereich durchzusetzen. Sicher ist das aber nicht: „Wir werden“, so Tommy Krappweis, „entweder verhungern oder als Millionäre enden. Letzteres wäre angenehmer!“