Drei Frauen und elf Männer mischen die deutsche Comedy-Szene auf / Von Clips, Shows, Filmen und Serien bis
zur Werbung und tollen Kindersachen – konsequent irre bis
zum Grimme-Preis.
Wer stirbt hat mehr vom Leben, heißt Tommy Krappweis’
Devise. Anfang der 90er ließ er sich erst verprügeln und
dann erschießen: viermal täglich, zwei Jahre lang.
Spätestens seit dieser Zeit galt er als vielversprechender
Stuntman und inzwischen als gereifter„physical-comedian“.
Tommy ist Judoka, Filmfreak, Musiker, Produzent, Autor,
Regisseur, Choreograph, Schauspieler, Moderator,
Gagschreiber, Cartoonist, Comedy-Berater – und, weil er
unabhängig und "Regisseur mit kreativer Kontrolle über die
Arbeit“ sein wollte, gründete er die Produktionsfirma „bumm
film“.
Das junge Unternehmen hat sich in kurzer Zeit zum Hort für
abgedrehten Nonsens, beinharten Klamauk und Stories jenseits
der Trampelpfade gemausert.
Die bayerische Spaßguerilla ist auch bei unerschrockenen
Zuschauern Kult und gilt in Fachkreisen als innovativ,
quirlig, respektlos - und vor allem professionell.
Eine offizielle „Grimme-Nominierung “im Jahre1999 und der
Grimmepreis 2004 für Bernd das Brot kennzeichnet den Ernst,
mit dem „bumm“ bei der Sache mit dem Spaß ist.
Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens „bumm film“, dessen
Label Programm ist, begann fernab von Medienevents und
-szene im Münchener Hinterland - in einer
klimaanlage- und heizungsfreien Scheune mit vielen
Kartoffeln und nicht ganz so vielen Hühnern.
In Sauerlach bei Altkirchen, einem „Medienstandort“ mit rund
60 Seelen und 300 Kühen, kurz vor Bad Tölz, 40 Minuten
S-Bahn- und 20-Minuten Autofahrt weit weg von der
zielgruppenaffinen Münchener Bussi-Kultur hatte Tommys
Mutter billigen Lagerraum für die rapide wachsende
Requisitensammlung ihres Sohnes entdeckt.
Nach und nach entstand dort eines der wohl ungewöhnlichsten
und zugleich produktivsten deutschen Medien- Studios.
In (produktions-)freien Zeiten und gänzlich in Eigenregie
baute die „bumm“-Tafelrunde ohne Subventionen oder
Fördergelder ein Tonstudio, mit Schnittplätzen für Audio
(3), Video & Compositing (4), ein Musikzimmer mit
fußbetriebenem Harmonium und elektrischer Hammond Orgel, ca.
100 Quadratmeter Studiokapazität plus eigenem Fundus,
Büroräumen u.a. in den 400 qm großen ehemals
landwirtschaftlichen Stauraum.
Dass Urwaldgeräusche vom Band zur Belebung von drögen
Besprechungen beitragen, ist ebenso Markenzeichen des
heimeligen „bumm“-Ambiente, wie die abstrusen, überall
ordentlich fixierten Verhaltensvorschriften, die zum
reibungslosen Betriebsablauf ebenso wenig beitragen, wie der
treudeutsche Hang zu Verbotstafeln, den sie persiflieren.
„Hier links bitte drehwärts“…
Tommy K.s „Berufung, Talente zu finden und sie ihrer wahren
Bestimmung zuzuführen“, macht vor nichts und niemandem Halt:
Drei Frauen und elf Männer versammelte er mittlerweile um
sich: Autoren, Filmemacher, Comedians, Sound-Designer,
Schnittkünstler entwickelten sich aus ehemaligen Lehrern,
Einzelhändlern, Schreinern und dem ein oder anderen
Studienabbrecher.
„Wir ticken im gleichen Takt“
Das gerade dieses Programm den Irrsinn der modernen
Fit-for-Fun-Event-Kultur ein ums andere Mal entlarvt,
belegen die frühen Autoren-/Regiearbeiten von Tommy
Krappweis für RTL Samstag Nacht-Produktionen: In 40 Folgen
widmeten sich die Extrem-Humoristen für RTL „Samstag Nacht“
zum Beispiel den neuesten „Extrem-Trends" aus den USA. „Extreem
Bungee“ etwa – ultimativ und natürlich ohne Seil - oder „Extreem
Supermanning“, das immer beliebtere, aber ebenso garantiert
tödliche Aufhalten von fahrenden Trucks mit einer Hand...
Anspruch auf politische Korrektheit erhebt hier niemand: In
Altkirchen entstand der trashige Super 8 - Clip zu Stefan
Raabs 3fach vergoldetem "Maschendrahtzaun", das Video zu
„Böörti Vogts 98“ und die Bebilderung der Remix Version der
"Derrick" Titelmelodie. Das Team bewahrt sich seine, im
besten Sinn „kindliche Neugier“ mit entsprechender Lust am
„permanenten Experiment“: Hier entstehen die Geschichten der
drei offiziellen Charaktere des ARD/ZDF-Kinderkanals
(KI.KA).
In der Puppen-Comedy im KI.KA mit "Chili das Schaf",
"Briegel der Busch" und "Bernd das Brot" – hat die bumm film
Figuren geschaffen, die lebenden bumm-Mitarbeitern
nachempfunden sind.
Chili, das Schaf mit ihrer Affinität zu hocheplosiven
Stunteinlagen zum Beispiel verdankt ihr Wesen Tommys
langjähriger Arbeit als Stuntman in einem
Westernfreizeitpark. Briegel, der Busch hat nicht nur den
Namen seines menschlichen Vorbildes in der bumm film
übernommen, sondern auch Michael Briegels Technikverständnis
und Hang zum „Modifizieren“ und „Optimieren“. Im Unterschied
zum Busch ist dem bumm-Briegel nur ein einziges Mal etwas
explodiert. Böse Zungen behaupten, er lügt. Bernd das Brot
hat vor allem den Hang zur Melancholie seinem Ebenbild und
Autor Norman Cöster abgeschaut. Auch die Kopfform –so sagen
zumindest Miterfinder Tommy Krappweis und Erik Haffner- sei
der des Brotes zumindest nicht unähnlich. Eigentlich sagen
sie, Norman hat einen Kastenkopf. Das ist aber nicht böse
gemeint. Obwohl sie danach immer sehr laut lachen.
Und letztendlich reagierten auch Presse und Gremien: Der
rennomierte Kinder-Fernseh-Preis „Der Goldene Spatz“ ging
ebenso bereits an Chili und Co, wie auch der rennomierte
Erwachsenen-Fernsehpreis „Adolf Grimme Preis 2004“ in der
Rubrik „Spezial“. Tommy: „Das war bisher das tollste, was
hätte passieren können. Außer Glück, Gesundheit und ein
langes Leben.“
Das bumm-Dreh-Prinzip heißt: Weniger Worte, mehr Bewegung.
„Ist ja Film und kein Radio“. Tempo und Dynamik beherrschen
Bild und Schnitt. Tommys großes Vorbild, Buster Keaton,
kommt aus den Kindertagen des Films: „Wir hatten einen
Anfang und ein Ende“, formulierte der Altmeister das „Credo“
der jungen „bumm“-Mannschaft: „Um den Mittelteil kümmerten
wir uns, während wir ihn drehten.“
Das ist kein Votum für ein bezahltes Chaos, sondern - so
Tommy - Grundlage für funktionierende Visual Comedy, die
sich nach den Gegebenheiten des Ortes richten muss. Darum
sind – ganz wie früher – nicht nur Schauspieler und Team am
Ort sondern auch die bumm film-eigenen „Gagmen“, die laufend
neue Ideen und Mechaniken ausstoßen um noch mehr Lacher in
die gleiche Anzahl von Minuten zu stopfen.
Auch mit einem präzisem Drehplan und planbarem Budget lässt
sich diese Grundregel beherzigen. Tommys Ruf als ein
Regisseur, der „am Set nie überzieht – weder Zeit noch Geld“
ist dafür ein finanzkräftiges Argument.
Und die Comedymaschine läuft immer – auch beim
Flomarktbesuch: So schaffte sich „bumm“ vor einigen Wochen
sechs Kinderdreiräder an. Ein Schnäppchen, obwohl keiner
wusste wieso und wozu. Eines allerdings ist sicher: Um die
neuen Utensilien gibt es irgendwann einen Gag der absurden,
aber immer unterhaltsamen Art. Und bei aller Liebe zur
Improvisation: „bumm“ ist zuschauerträchtig und effektiv.
Was nicht zuletzt der verliehe Grimmepreis nachhaltig zeigt.
Die „Mischung aus Improvisationsfähigkeit, Effektivität und
dem Faktor Spaß“ - kurz „das Unmögliche“ - funktioniert,
weil hier nicht nur alle alles machen (inklusive des
permanenten Scheunenumbaus); hier können alle auch nahezu
alles.
Nico, Tommys sechs Jahre jüngerer Bruder, hat einen
ordentlichen Beruf als Schreiner erlernt und sich dann zum
Lichttechniker ausbilden lassen, beherrscht mehrere
Instrumente, arbeitet als Sound-Designer und leitet das
Tonstudio;
Norman Cöster, Abiturient im Fach Wirtschaftslehre, hat zwei
Jahre Schauspielschule hinter sich, gehört zu den
Entwicklern von „Chili, Briegel und Bernd“, die er als
Regisseur und Autor mitbetreut und ist auch immer wieder für
und mit den Dreien vor der Kamera zu sehen;
David Gromer stand schon früh als Moderator vor, als
Talk-Redakteur und Aufnahmeleiter „hinter“ der Kamera,
spielt schreibt und produziert für „bumm“;
Erik Haffner, Autor und Regisseur mehrerer preisgekrönter
Kurzfilme gilt als „Ein-Mann-Task-Force“ im Bereich Ton,
Bild und Schrift...
Jochen „der Nauer“ Donauer ist nicht nur Ex-Musiklehrer,
sondern auch ein exquisiter Comedian, Cutter und
Schlagzeuger…
Die Gemeinschaft aus Multitalenten bietet dabei die ganze
Palette der Produktion: Ideen, Konzepte, Drehbücher, Regie,
Kamera, Schauspieler, Inszenierung, Schnitt, Audio-Design,
Stop-Motion-Animation – und die entsprechende Musik dazu.
Die "Comedy-Sekte im Wald" (W. Boning) erregt Aufsehen, weil
offenbar immer mehr bei dem zusehen, was von „bumm“ aus
Altkirchen kommt.
Es sieht so aus, als würde sich die Akzeptanz dieser Art von
gelebter Comedy am Arbeitsplatz langsam durchsetzen. Aber
sicher ist das nicht: „Wir werden“, so Tommy Krappweis,
„entweder verhungern oder als Millionäre enden. Letzteres
wäre angenehmer!“
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